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Willkommen zur Automechanika Frankfurt

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Digitalisierung in der Werkstatt: Komfort erhöhen und Effizienz steigern

Die Kfz-Branche mit ihren rund 440 000 Beschäftigten befindet sich mitten in einem Strukturwandel. Durch die zunehmende Digitalisierung stehen insbesondere auch die Werkstätten vor großen Herausforderungen. Die Fahrzeuge haben sich in den letzten 20 Jahren enorm weiterentwickelt und verändert: weg von ehemals primär elektromechanischen Produkten hin zu „rollenden Computern“ mit bis zu 15.000 Sensoren pro Pkw der Luxusklasse und damit Unmengen von Fahrzeugdaten, der Etablierung der E-Mobilität mit einem völlig neuen Antriebsystem, dem Einzug von künstlicher Intelligenz auch in die Auto-mobilwerkstätten, dem Aufkommen neuer Geschäftsmodelle wie der Plattform-Ökonomie und last, but not least dem aktuellen Fachkräftemangel.

Diagnosegeräte

„Der Kern der Digitalisierung liegt darin, das technische Optimierungspotenzial in allen Bereichen auszuschöpfen, um damit für Kunden den Komfort zu erhöhen und für Unternehmen die Effizienz zu steigern“, sagt Juan Hahn, Gründer der unabhängigen Unternehmensberatung Hahn Network, Berlin. Haupttreiber sind somit in erster Linie die Kundenerwartungen und die Produktivität. „In der Automobilindustrie selbst erleben wir sehr viel Druck seitens neuer Wettbewerber am Markt wie Tesla, die das Automobil und das damit verbundene Geschäftsmodell als IT-Plattform völlig neu denken“, so der Automotive-Experte mit dem Schwerpunkt Business Developement.

Herausforderung Umgang mit großen Datenmengen

Eine besondere Herausforderung durch die Digitalisierung liegt für die Werkstätten heute – egal ob Verbrenner oder E-Antrieb – im Umgang mit den großen Datenmengen, die bei modernen Pkw aus den vielen Fahrzeugsensoren in allen Bereichen gewonnen, für Diagnosezwecke zusammengeführt und ausgewertet werden müssen. Diese Daten, auch mit dem konkreten Nutzungsverhalten der Fahrerin oder des Halters, sind beispielsweise für eine vorausschauende Fahrzeugwartung (Predictive Maintenance) notwendig, um frühzeitig auf mögliche Fehlerquellen und Gefahren zu reagieren. Heute erwarten Autofahrer und -fahrerinnen von der Werkstatt ihres Vertrauens, dass sie auch dazu in der Lage ist, rechtzeitig zu erkennen, was unbedingt gewartet werden muss – und das auch schon vor der üblichen Zeit, wenn die Sensoren eine Schwachstelle aufgespürt haben. 

Ein entscheidender Aspekt: Um diese Services auch umfänglich leisten zu können, benötigt die Werkstatt für ihre Diagnose zwingend die konkreten Fahrzeugdaten. Dafür muss sowohl der Fahrzeughersteller einen technischen Zugang ermöglichen als auch der Halter seine Freigabe erteilen. Hahn: „Wir brauchen eine Verlinkung zwischen dem Kunden, der Werkstatt und dem Hersteller.“ 

Umgekehrt müssen viele Werkstätten noch lernen, Kundendaten zu digitalisieren und damit einen Mehrwert zu generieren, damit sie auch zukünftig wettbewerbsfähig bleiben. Eng damit verknüpft ist das Thema Ausbildung der Mitarbeiter. „Der Beruf Mechatroniker muss attraktiver und mit mehr digitalen Werkzeugen und Medien ausgestattet werden“, sagt der Unternehmensberater. Dies wird am Beispiel Diagnose besonders deutlich, wo in der Praxis heute noch sehr viele unterschiedliche Systeme mit verschachteltem Wissen zum Einsatz kommen. Es gilt, dieses Wissen in digitaler Form besser zu strukturieren. Hahns Vision: Jede Hebebühne könnte mit einem interaktiven Touch-Display ausgestattet werden, um sich durch alle Fahrzeugdaten und Informationen durchzuklicken, wie jüngere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter es privat von ihren Smartphones gewöhnt sind. Das IT-System könnte dann mittels künstlicher Intelligenz Vorschläge machen, was zuerst geprüft werden sollte usw.

Freie Werkstätten sind beim Datenzugang klar im Nachteil

Wo liegen nun die Gemeinsamkeiten und wo die Unterschiede zwischen den freien Werkstätten und den Vertragswerkstätten in puncto Digitalisierung? Untersuchungen des vom Bundeswirtschafts- und Klimaministerium im Rahmen der Gaia-X-Richtlinien ins Leben gerufenen Forschungsprojekts Autowerkstatt 4.0 haben ergeben, dass der zentrale Knackpunkt weniger bei der konkreten technischen Ausstattung der einzelnen Werkstätten oder der Schulung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter liegt, sondern vor allem darin, wem die Fahrzeugdaten überhaupt zur Verfügung gestellt werden. Hahn: „An diesem Punkt haben die Vertragswerkstätten mit den Automobilherstellern im Rücken einen eindeutigen Wettbewerbsvorteil, weil die großen Marken den Datenzugang heute nur eingeschränkt mit anderen, etwa den freien Werkstätten, teilen.“

Der Automotive-Experte hat dazu einen klaren Standpunkt: „Vor dem Hintergrund einer positiven Kundenerfahrung sollten die Hersteller ihre Fahrzeugdaten, einschließlich historischer Referenzdaten, auch freien Werkstätten zur Verfügung stellen, damit diese ihr Produkt in der angemessenen Qualität reparieren können.“ 

Einzelne Marktteilnehmer bieten aber auch heute schon vor allem historische Referenzdaten auf dem freien Markt an. Hintergrund: Signale aus den Fahrzeugsensoren alleine sind ohne den Vergleich mit der entsprechen Historie oftmals nicht aussagefähig genug. Darüber hinaus verfolgen die freien Werkstätten durchaus auch erfolgsversprechende Gegenstrategien wie das Eingehen von Kooperationen und Partnerschaften zu größeren Verbünden, um Wettbewerbsnachteile beim Datenzugang wieder wettzumachen. Hahn: „Aber auch kleinere freie Werkstätten finden ihre Lücke, beispielsweise sich auf Zukunftsthemen wie die Klimatechnik für Elektrofahrzeuge zu spezialisieren, um durch gezielte Wartungsarbeiten größere Reparaturen und den unnötigen Austausch von Teilen zu vermeiden.“ 

Fachkräftemangel – für viele Werkstätten ein existenzielles Problem

Das alles überlagernde Hauptthema rund um die Digitalisierung der Werkstätten sieht Juan Hahn allerdings primär in dem aktuellen, fast dramatischen Fachkräftemangel. Die Suche nach Mitarbeitern und auch Auszubildenden für die Werkstatt ist für viele Werkstattbetriebe – ob freie oder Vertragswerkstatt – mittlerweile ein existenzielles Problem. Auch hier kann Digitalisierung unterstützen oder mildern, indem Wissen schneller verfügbar gemacht wird. Hahn: „Junge Leute sind es heute gewohnt, Wissen abzurufen, wie sie es gerade brauchen. Um den Beruf in der Werkstatt attraktiver zu gestalten, müssen wir Methodiken und Informationen ebenfalls digital transportieren.“ 

Digitalisierung auf der Automechanika Frankfurt 2022

Nach den Corona-Jahren bot die Automechanika Frankfurt Fachbesucherinnen und Interessierten aus aller Welt wieder in gewohntem Umfang Gelegenheit, sich persönlich vor Ort an den Messeständen inspirieren zu lassen oder sich in einem der vielfältigen Fachvorträge über die neuesten Branchenentwicklungen rund um das Thema Digitalisierung in der Werkstatt zu informieren. Ein Highlight der Aftersales-Leitmesse war die in Kooperation mit dem Institut für Automobilwirtschaft (IfA) Zukunftswerkstatt 4.0, wo verschiedene Unternehmen  ihre innovativen Zukunftstechnologien präsentierten – so beispielsweise der eco-Verband der Internetwirtschaft mit dem im Rahmen der Gaia-X-Richtlinien vom Bundeswirtschafts- und Klimaschutzministerium geförderten Projekt „Autowerkstatt 4.0“. Auch ein Fachvortrag von Dr. Jan H. Schoenke vom Konsortialführer LMIS AG war am Mittwoch, 14.9. in der Automechanika Academy (Halle 9.0 D88) fest eingeplant. Gaia-X ist ein Projekt zum Aufbau einer leistungs- und wettbewerbsfähigen, sicheren und vertrauenswürdigen Dateninfrastruktur für Europa, das von Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung aus verschiedenen europäischen Ländern getragen wird.

In der Zukunftswerkstatt 4.0 konnte sich das interessierte Fachpublikum an insgesamt zehn themenspezifische Stationen zu den Themen Elektromobilität, Diagnose und Fahrzeugannahme, digitale Kundenkommunikation, Dienste und Workflow, Innovationen in Modernisierung und Bau, künstliche Intelligenz, New Business sowie Leistungserstellung und Datenmanagement informieren.